Jean Ziegler: „Die Schande Europas“

Ein Interview von Susanne Huber

Jean Ziegler über die Flüchtlingspolitik in Europa, Tiroler Sonntag, 2. April 2020

 

Der Beitrag wurde ausgewählt von Christine Norden, Fachreferat für Gesellschaftspolitik und Ethik

 

Mit der individuellen und kollektiven Verwundbarkeit leben lernen. Fragen zur Coronakrise

Ein Interview mit Martin M. Lintner

Dieser Beitrag ist auf Basis von Gesprächsnotizen aus einem Telefonat mit Dr. Martin M. Lintner, Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen am 24. April 2020 entstanden und von ihm mit einigen schriftliche Ergänzungen versehen worden. Für dieses Gespräch und die Überarbeitung bedanke ich mich ganz herzlich!
Vielleicht können die Gedanken und Fragen für Sie als Leserin oder Leser einen Impuls darstellen, sich zum Mit- und Weiterdenken in der derzeitigen Situation und auch zum weiteren Fragenstellen anregen zu lassen. 

Veronika Lamprecht, Fachreferat Kirche, Arbeit und Wirtschaft    

Mit der individuellen und kollektiven Verwundbarkeit leben lernen Fragen zur Coronakrise
Gibt es im derzeitigen Alltag Situationen, die deutlich machen, was momentan wichtig, belastend oder in anderer Weise „besonders“ ist? 

In Südtirol machen Familien derzeit die Erfahrung, dass Verstorbene nicht in gewohnter Weise beerdigt werden können. Ich weiß von einer Familie, in der die Urne der Verstorbenen, bedingt durch die Covid-Maßnahmen und zusätzlicher Schwierigkeiten, mehrere Wochen im Krematorium zwischengelagert worden ist. Schließlich wurde die Urne im Beisein nur eines Familienmitglieds beigesetzt. Das war eine sehr belastende Situation für die Angehörigen.
Ähnlich belastend kann es sein, wenn in Heimen keine Besuche gestattet sind, und wenn selbst Sterbende nicht von nahen Angehörigen besucht werden können. Natürlich ist es wichtig, ausgewiesene Risikogruppen und das Gesundheitssystem gut zu schützen. Gleichzeitig scheint es aber zum Beispiel unmenschlich, Sterbende alleinzulassen. Lässt es sich tatsächlich rechtfertigen, solche einschneidenden Maßnahmen staatlich zu verfügen? Und sind die Maßnahmen auch der Situation angemessen, also verhältnismäßig? Macht es Sinn, einen Sterbenden vor einer Infektion zu schützen? Oder wäre es nicht wichtiger, dass Angehörige unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen einem Sterbenden beistehen dürfen? Diese Fragen sind noch offen. 

Gibt es weitere Fragen, die jetzt auftauchen, und die für die Zeit nach der unmittelbaren Krise weitergedacht werden sollten?
Wir befinden uns derzeit in einer Lage, die wir als Menschheit erstmals so durchleben: auf globaler Ebene sehen wir uns bedroht, ohne eine unmittelbare Lösung greifbar zu haben. Das wirft manche Fragen für die Zukunft auf: Wie wird nach der akuten Phase der Bedrohung mit dieser Erfahrung umgegangen werden? Was wird sie mit der Gesellschaft machen? Werden zum Beispiel Allmachtsphantasien, für alles eine Lösung parat zu haben oder uns vor allen Eventualitäten oder Gefahren schützen zu können, gebrochen oder nicht? Die Covid-Krise macht erfahrbar, wie verwundbar wir als Einzelne wie auch als Gesellschaft auch heute noch sind, trotz aller medizinischen und technischen Fortschritte. Ein kleiner, unsichtbarer Virus stellt innerhalb von wenigen Monaten eine globale Gefährdung dar.
Die derzeitige Situation zeigt auch Schwachstellen in der Gesellschaft auf, zum Beispiel im Gesundheitsbereich. Uns wird jetzt sehr klar, dass hier der falsche Ort für Sparmaßnahmen ist. Es braucht entsprechende Vorsorge, um mit Krisensituationen gut umgehen zu können. Wie genau diese Vorsorge getroffen werden kann, ist ebenfalls eine Frage, die eine Antwort braucht.
Ebenso wird uns die Angewiesenheit auf Pflegeberufe jetzt deutlich vor Augen geführt. Ähnliches lässt sich auch über den Lebensmittelhandel sagen. Hier arbeiten oft ausländische Arbeitskräfte zu Billigstlöhnen. Bisher schlecht bezahlte Berufsgruppen sind plötzlich als besonders wichtig für das Funktionieren der Gesellschaft in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Diese Aufmerksamkeit jetzt wird hoffentlich zu weiteren Diskussionen über die Arbeitsbedingungen in diesen Bereichen führen.
Eine andere Frage betrifft die europäische Selbstversorgung mit Medikamenten und medizinischer Schutzausrüstung. Uns wird jetzt klar, dass eine regionale Versorgung in diesen Bereichen notwendig ist, um Menschen schützen und heilen zu können und das Gesundheitssystem arbeitsfähig zu erhalten. Sie ist aber derzeit nicht ausreichend gegeben. Es ist nicht gut, in diesem Bereich von einigen wenigen Konzernen oder einigen wenigen Produktionsländern abhängig zu sein.
In Hinblick auf die Zukunft stellen sich weitere Fragen, die von Besorgnis geprägt sind: Welche sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen werden durch die Situation jetzt verursacht, und in welcher Weise werden sie uns in Zukunft begleiten? Die volle Tragweite der Maßnahmen, die jetzt zum Schutz der Gesundheit getroffen werden, wird ja erst in den kommenden Monaten und Jahren sichtbar werden. Wirtschaftlich und auch sozial wird jetzt mit unabsehbaren Folgen viel in Kauf genommen.  
Hier erscheint es wesentlich, nach der Verhältnismäßigkeit der „Nebenwirkungen“ der getroffenen Maßnahmen zu fragen. Das wird umso dringlicher, je länger die strikten Maßnahmen aufrecht erhalten werden. Ein ethisches Grundprinzip besagt, dass die Lösung eines Problems keine schwerwiegenderen Probleme zur Folge haben darf als das zu lösende Problem selbst. Dieser Gesichtspunkt sollte beim Setzen und bei der Lockerung von Beschränkungen berücksichtigt werden. Langfristige Auswirkungen sind hier immer mit zu bedenken. Ich denke auch, dass wir in Zukunft wieder bewusster unsere Freiheitsansprüche mit dem Gemeinwohl austarieren werden.  
Als weitere Hilfe zu Entscheidungen hinsichtlich der Lockerung von Beschränkungen kann das Prinzip der Solidarität dienen. Es betont ja eine gegenseitige Verantwortung: der Gesellschaft gegenüber dem einzelnen Mitglied, aber auch der einzelnen Bürger und Bürgerinnen gegenüber der Gesellschaft. Für den Schutz von Risikogruppen bedeutet das: Neben der Verantwortung aller zum Schutz von Risikogruppen besteht auch eine Verantwortung der Menschen, die diesen Gruppen zuzurechnen sind, gegenüber allen anderen. Besonders gefährdete Menschen können in diesem Sinne durch entsprechende Selbstschutzmaßnahmen einen Beitrag leisten, gesellschaftliches Leben wieder zunehmend zu ermöglichen. Da jedoch auch gesunde und junge Menschen oder solche, die keine Vorerkrankungen hatten, an Covid-19 erkrankt sind, zeigt sich, dass letztlich niemand aus der
Verantwortung genommen ist, sich und andere bestmöglich zu schützen, und zwar unabhängig von den jeweils gültigen staatlichen Maßnahmen.
Für mich stellt sich auch noch eine ganz andere, bislang kaum diskutierte Frage: Wie gehen wir mit Tieren um? Alle Epi- und Pandemien der vergangenen Jahrzehnte stammen von Viren, die aufgrund eines ethisch fragwürdigen Umgangs mit den Tieren auf den Menschen übergesprungen sind. Und jetzt laufen Tierversuche mit Affen. Die Versuche mit Mäusen und Ratten haben keine auf den Menschen übertragbaren Ergebnisse geliefert. Diese Affen werden mit dem Covid-19-Virus infiziert und mit unterschiedlichen Substanzen behandelt. Schließlich werden sie getötet und seziert, um die Wirkung des Virus wie auch der verabreichten Substanzen an den Geweben und Organen zu studieren. 

Welche Situationen drohen jetzt aus unserem Blickfeld zu verschwinden, sind aber dennoch wichtig?
Hier sind zum Beispiel Krieg und Gewalt im Nahen Osten zu nennen, besonders denke ich an Syrien und Jemen. Auch wenn wir derzeit kaum davon hören, bleibt das ein großes Problem, unter dem viele Menschen zu leiden haben.
Ähnlich ist es mit der Situation in den Flüchtlingslagern, zum Beispiel in Griechenland. Von dort wird über unmenschliche Zustände berichtet. Doch momentan erreichen uns diese Berichte nicht oder kaum und lösen auch bei den politische Entscheidungsträgern kaum mehr als symbolische Gesten aus, zum Beispiel durch die Aufnahme einiger weniger Jugendlicher aus griechischen Flüchtlingslagern in anderen EU-Mitgliedsstaaten.   
  

Neue Normalität? Vertieftes Miteinander.

Wir werden uns an die „Neue Normalität“ gewöhnen – das klingt halb wie ein Werbeslogan für den Aufbruch in eine neue Welt und halb wie eine Drohung, dass nichts mehr so sein wird, wie wir es kannten. Für die einen mag die geradezu als Verheißung wahrgenommene Aussicht auf so etwas wie Normalität überwiegen, für Andere „das Neue“ daran Möglichkeiten und Chancen oder eben Risiken und Ängste in den Vordergrund stellen. Wir schwanken zwischen der Einsicht, man könne sich an alles gewöhnen – auch im Masken tragen kehrt Routine ein –, und der Absicht, uns nicht zu gewöhnen an einen ungewöhnlichen Zustand, der doch mindestens in Teilen zur Zumutung werden kann. Die einen stehen existenziell vor große Ungewissheiten oder eben düsteren Gewissheiten, andere sollen helfen, eine „Normalität“ widerherzustellen, von der gleichzeitig behauptet wird, es gäbe sie ohnehin nicht mehr. Viele Fragezeichen, viel Krisenhaftes, viele existenziellen Einbrüche können wir nur hilflos ertragen, mit ihnen mehr schlecht als recht umgehen, sie höchstens mit ganzem Herzen und den uns zu Verfügung stehenden Mitteln begleiten.

Viele Fragezeichen gilt es jedoch, gemeinsam festzustellen, zu artikulieren, uns gegenseitig zu spiegeln in unserer Wahrnehmung derselben, sie gemeinsam zu beobachten und zu kommentieren: darunter zum Beispiel alle Fragen, die in Europa derzeit mit Datenschutz etwa in Zusammenhang mit App-Entwicklungen zum sogenannten „contact-tracing“ aufkommen. Hier gilt es, sich aus der ‚selbstverschuldeten Unmündigkeit‘ mittels rationaler Abwägung und umfassender Informationsgewinnung zu befreien und aufmerksam zu bleiben. Es ist wichtig, sich eine potenziell ergebnislose Suche nach grundlegenden Informationen zu diesen Themen nicht selbst anzulasten, sondern Medien, ExpertInnen und Regierende aufzufordern für Transparenz und Gewissheit zu sorgen, wie welche Daten weshalb für diese Apps benötigt und gesammelt werden. Wir müssen europaweit mit Nachdruck artikulieren, dass wir sicher sein wollen, dass unsere Daten nach der Entwicklung von Impfstoffen nicht für ganz andere Zwecke, möglicherweise zur engmaschigeren Überwachung sozialer Welten und Zivilgesellschaften gebraucht und so miss-braucht werden. Wir müssen signalisieren, dass wir trotz vieler verwirrender Begriffs- und Verfahrensumschreibungen wie „(de-)zentrale Speicherung“ und trotz hohem Anglizismen-Aufkommen (wieso „trac(k)ing“ und nicht einfach „Zurückverfolgung“?!), verstehen wollen! Und dass wir darauf bestehen, dass es uns verständlich gemacht wird – nur so entsteht das notwendige Vertrauen, dass Apps Heilung bringen und nicht langfristig heillose Nebenwirkungen hat. Vertrauen in ein demokratisches System darf nicht verspielt werden, auch wenn Gesundheit vorgeht! Im europäischen Vergleich sind wir in Österreich mit der nicht-staatlichen App-Entwicklung und der freiwilligen Nutzung sicher noch in einer guten Ausgangslage, die Quarantäne-App in Polen funktioniert unter ganz anderen Vorzeichen! Dennoch müssen wir deutlich deponieren, dass wir wachsam bleiben werden, was passiert und mit uns gemacht wird, dass BürgerInnenrechte in einer virtuellen Welt weiterhin nicht obsolet sind, auch in Notzeiten nicht, dass wir uns austauschen, gemeinsam abwägen und gemeinsam handeln: Meinungsfreiheit ja, gemeinsam an Regeln halten braucht es aber ebenso – sonst brauchen wir Sanktionierung und das will niemand in größerem Maße als derzeit schon vorhanden. Auch wenn wir uns nicht zum Diskutieren treffen können, auch wenn einige von uns nicht teilhaben an social-media-Diskussionsplattformen. Von letzteren Möglichkeiten sind eben viele von uns ebenso sehr ausgeschlossen wie wir alle im Moment von persönlichen Begegnungsmöglichkeiten – für manche ist das also kein gänzlich neues Phänomen, sondern Alltag (Memo an uns!)! Es ist doch immerhin bedauerlich, dass erst die Diskussion um die Anwendbarkeit der „Trac(k)ing“-Apps und der digitalen Klassenzimmer endlich einmal deutlicher das Problem zu Tage bringt, dass eben nicht alle von uns auf einem technisch hochentwickelten, immer erreichbaren, immer vernetzten Standard sein können. Und das aus unterschiedlichsten Gründen, die nicht immer einfach selbstverschuldet sind (hohes Alter, materielle Ressourcen und digitale Anbindung von Kindern…). Nehmen wir diese Diskussionen als Anlass, uns zu informieren, welche Gründe das für wen haben könnte, ist schon viel Dialogbasis und Empathie für ein (möglicherweise ‚neues‘) Miteinander nach der pandemischen Phase gewonnen. Dann kommen wir vielleicht darauf, dass wir sehr lange in unseren ‚Blasen‘ verharrt haben, dass wir doch sehr wenige verschiedene Lebensumstände wirklich erfragt und kennen gelernt haben, dass wir nicht immer wussten um die Not der/des Nächsten, sei es eine materielle oder emotionale. Sammeln wir menschliche Daten im Sinne eines vertieften Durchschreitens unserer gesellschaftlichen Umgebung, verfolgen wir zurück, welche Kontakte wir weshalb scheuen und nicht haben, welche sozialen Bündnisse wir aus welchen Gründen nicht eingehen könnten. Speichern wir diese ‚Daten‘ tief in unseren Herzen, vertraulich, aber lernen wir füreinander aus ihnen! Üben wir uns, die Basis für ein demokratisches Miteinander wieder besser gemeinsam herstellen zu können, legen wir einmal das Schimpfen beiseite über jene, die uns je nach Perspektive alles Mögliche „auferlegen“. Gehen wir ganz ehrlich der Frage nach, ob wir unserer Aufgabe und unserem Auftrag als demokratische BürgerInnen nachkommen.

Es ist an uns, uns zu informieren, kritisch hinterfragen lässt sich nur, wenn wir uns gemeinsam Informationen erarbeiten und Expertisen einbringen: jedeR trägt ein Mosaiksteinchen zur Übersetzung von Komplexität bei. Das heißt: nicht jedeR muss die Komplexität allein bewältigen und in allen Belangen ExpertIn werden, um aufgeklärt zur demokratischen Entscheidungsfindung beitragen zu können. Und es ist auch nicht (nur) Aufgabe des Staates, Komplexität für uns zu reduzieren und für uns zu übersetzen. Wenn wir wollen, dass eine Regierung durch unsere Wahlentscheidung legitimiert ist, dürfen wir unseren Auftrag zur Mündigkeit nicht verlassen nach
der Wahl und müssen nachhaken: Staatliches Handeln muss im Kontakt mit der Zivilgesellschaft bleiben, ohne sich von den lautesten Gruppen in ihr vor sich hertreiben zu lassen. Wir können gemeinsam dranbleiben, und übrigens: es kann sogar mit bürgerschaftlicher Freude verbunden sein, wenn jedeR seine Expertise einbringen darf und darin gesehen wird! Sehnen wir uns also nicht zu allervorderst nach Normalität, sondern nach Miteinander, nach einem Umeinander-Wissen und füreinander informiert sein – auch das ist eine Facette von Wohl-Stand, die wir pro-aktiv bewahren und ehren müssen, der wir gerecht werden sollten! Nur so können wir gemeinsam die eigentlich tragfähige Demokratie als unsere wert-volle Gesellschaftsbasis (be-)leben und lebendig erhalten. Vertieft leben, nicht unbedingt neu leben? Krise, hat seinen Ursprung im griechischen Verb für „trennen/entscheiden“ und im lateinischen Begriff crisis, der in der Medizin auch gebraucht wird für den “Wendepunkt“, der eine Entscheidung und Bewertung im Krankheitsverlauf bringt. Die Übersetzungsspuren führen uns zum Entscheidungsdruck - in unserem derzeitigen Fall in einer medizinischen Situation UND als eine gesellschaftliche Aufgabe. Schaffen wir’s und wie? Einerseits. Andererseits: Wer sind wir in und nach der Krise?
Bleiben Sie gesund und nutzen Sie die Krise auch FÜR die Demokratie! 

Mag.a Magdalena Modler-El Abdaoui / Fachreferentin für interreligiösen und interkulturellen Dialog 

Homeschooling für benachteiligte Kinder https://www.teachforaustria.at/wp-content/uploads/2020/03/Teach-For-AustriaHomeschooling-Survey.pdf , zuletzt abgerufen am 28.4.2020 Digitalisierung und SeniorInnen https://www.falter.at/zeitung/20200421/oma-und-opa-sind-jetzt-online , zuletzt abgerufen am 28.4.2020 Europa und Datenschutz https://www.diepresse.com/5796147/fruhlingshaft-1-oder-grundrechte-sind-keinschonwettershyprogramm, abgerufen zuletzt am 28.4.2020. https://science.apa.at/rubrik/politik_und_wirtschaft/Corona-App__Forscher_mahnen_Datenschutz_und_Privatsphaere_ein/SCI_20200420_SCI401113510542397  00  , abgerufen zuletzt am 28.4. 2020 offener Expertenbrief zur in der contacttracing-App-Entwicklung: https://drive.google.com/file/d/1OQg2dxPu-x-RZzETlpV3lFa259Nrpk1J/view ; abgerufen zuletzt am 28.4.2020 mit Freude neue Routinen einüben, https://www.youtube.com/watch?v=pCxY70kPDnM, abgerufen zuletzt am 28.4.2020   

Rutger Bregman: Ich habe einen Traum - wenn sich das Menschenbild ändert, ändert sich alles

Der Historiker Rutger Bregmann über die Corona Krise, in: Zeitmagazin Nr. 16, 8.4.2020

Der Beitrag wurde ausgewählt von Christine Norden, Fachreferatfür Gesellschaftspolitik und Ethik

Von selbst gereicht kein Ereignis zum Segen

Deshalb plädiert die Pastoraltheologin Regina Polak in der Wochenzeitung DIE FURCHE dafür, gesellschaftliche Schieflagen anzuerkennen und den geschenkten Raum der Mitgestaltung zu nutzen, damit eine "Post-Corona"-Welt zum Lernort für ein besseres Leben werden kann. Corona deckt laut der Theologin Schwachstellen, Ungerechtigkeit, Unrechtsordnungen, Inhumanitäten und Werte der Gesellschaften ebenso auf wie die Stärken und Schwächen der Menschen und ihrer Systeme. Lesen Sie mehr!

https://www.furche.at/meinung/diesseits-von-gut-und-boese/post-corona-die-zukunft-ist-offen-2552309 

 

Hinweis: Im Rahmen eines FURCHE-Probe-Abos haben Sie drei Wochen lang Zugang zu allen Artikeln, außerdem können Sie mit dem FURCHE-Navigator eine Zeitreise antreten, sprich durch 20 Jahre FURCHE surfen. Näheres hier: https://www.furche.at/abo

 

Dieser Beitrag wurde von Christine Norden, Fachreferat Gesellschaftspolitik und Ethik, für Sie ausgewählt.

Matthias Horx: Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei” ist

www.horx.com und www.zukunftsinstitut.de.

Folgender Text stammt von Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher, Publizist und Visionär, er wagt einen Blick in die nähere Zukunft, in den  Herbst 2020 und lädt ein zum Staunen...

 

„Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird”, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020 

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?
Worüber werden wir uns rückblickend wundern? 

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivial-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…
Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out. 

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung 

Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam in dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie »autoritär« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger 

Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.

 

System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft." 

Quelle: https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/  [Abgerufen am 14.4.2020, 11.28 Uhr)

 www.horx.com  und www.zukunftsinstitut.de.

 

Der Beitrag wurde ausgewählt von Mirjam Müller.

Foto: Mirjam Müller

 

 

 

 

Ermutigung und Hoffnung...

...ein Geburtstagsessen der besonderen Art

Geburtstag zu feiern, wie wir es kennen, ist in Zeiten von Corona nicht möglich, deshalb ist Kreativität gefragt. Anlässlich des 115. Geburtstags von Viktor Frankl am 26. März 2020 hat die Logotherapeutin Inge Patsch vier Gäste zu einem „Dinner for hope“ in ihr Wohnzimmer eingeladen. Lesen Sie selbst!

https://www.ingepatsch.at/ermutigung-und-hoffnung/ 

 

Das Thema dieser Woche wurde ausgewählt von Christine Norden, Fachreferat für Gesellschaftspolitik und Ethik.

 

 

Auch die Apostel erlebten Ostern in Selbstisolation

Innsbrucker Dogmatiker Niewiadomski vergleicht im Kathpress-Interview Coronakrise mit Situation der Jünger bei Jesu Auferstehung - Ostererlebnis bewirkte "Verwandlung der Ängste"

Innsbruck, 03.04.2020 (KAP) Das Osterfest entfällt unter den diesjährigen Corona-Bedingungen nach Ansicht des Theologen Jozef Niewiadomski nicht, im Gegenteil: "Wir sind heuer noch viel näher am Erleben des ersten Ostern durch die Apostel", rief der Innsbrucker Dogmatiker am Freitag im Interview mit Kathpress in Erinnerung. Auch die Jünger Jesu seien laut den biblischen Berichten aus Angst im Abendmahlssaal eingeschlossen gewesen, als ihnen der Auferstandene begegnete, und mehr noch: Sie hätten selbst nach diesem Erlebnis noch wochenlang - bis zum Pfingstfest 50 Tage später - die Selbstisolation nicht verlassen.

"Die Kirche erlebt 2020 eindrücklich die Situation des geschlossenen Abendmahlsaals, und auch alle, die nicht kirchlich gebunden sind, haben daran Anteil", betonte der Innsbrucker Theologe. Jesus habe bei den österlichen Begegnungen in Jerusalem und Emmaus den Jüngern weder ihre Angst vor der Bedrohung noch die Bedrohung weggenommen. Die Angst sei jedoch "in begnadete Angst verwandelt" worden, sagte Niewiadomski: Das Wissen um die Gegenwart des Auferstandenen habe für die Apostel trotz fehlen-der Perspektiven einen Hoffnungsschimmer bedeutet - und könne dies auch heute leisten.

Für die Bewältigung der Corona-Krise sei die Exodus-Erzählung als weitere Bibelstelle der Osterliturgie ebenfalls hilfreich, sagte Niewiadomski. Die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten werde vom römischen Geschichtsschreiber Josephus Flavius in der ägyptischen Rezeption als "Anti-Exodus-Mythos" völlig gegensätzlich geschildert: Als "Heilsereignis" der Überwindung einer Seuche - die eine der "zehn Plagen" war - durch Vertreibung der Fremden im Land. "Mechanismen wie Beschuldigung, Suche nach Sündenböcken und Vertreibung sind die größte Gefahr auch in der heutigen Epidemie und in der sie begleitenden sozialen Krise", zog der Theologe Vergleiche.

Gott als Anwalt der Infizierten 

Völlig im Gegensatz dazu, habe sich der christlich-jüdische Gott jedoch auf Seiten der Opfer gestellt und sich ihnen zugewandt. "Der wahre Gott beendet die Katastrophe der Epidemie nicht durch Vertreibung der Außenseiter, der Kranken oder der anscheinend Schuldigen. Er macht sich zum Anwalt der Opfer, rettet die Menschen und rettet durch die Krise hindurch", sagte der Innsbrucker Dogmatiker.

Diese "Strategie Gottes" bestätigte sich dann im Buch Jesaja mit der Prophezeiung vom "leidenden Gottesknecht" und deren Erfüllung in der Passion Christi am Karfreitag. "Jesus wurde geschlagen, schlug aber nicht zurück. Vielmehr übte er Vergebung statt Rache. Er hat somit das ihm widerfahrene Böse in eine Haltung der Hin-gabe verändert und in Gutes verwandelt. Gott ist nicht Ursprung der 'krummen Zeilen' dieses Todes, schreibt aber auf diesen Zeilen gerade", schilderte Niewiadomski, und fügte hinzu: "Stellt nicht die Situation des 'verriegelten Abendmahl-saals' für die im kulturellen Teufelskreis der Anschuldigung und Schuldabschiebung gefangenen Kirche die Chance zur Neubesinnung auf den kulturstiftenden Wert der Verwandlung des Bösen dar?"

Auch die versöhnte Haltung des Auferstandenen gegenüber den verängstigten Aposteln, die ihn zuvor in Stich gelassen hatten, spreche davon: Sein Zuspruch "Friede sei mit euch" sei ein "Akt der Versöhnung und Schuldvergebung" gewesen, der es den Aposteln erlaubt habe, trotz ihres Versagens und ihrer oftmaligen Rangstreitigkeiten jetzt auch miteinander versöhnt umzugehen - "auch unter den Bedingungen der Eingeschlossenheit. Nicht Angst und Isolation haben das letzte Wort, sondern die Verwandlung", so der Theologe.

Quelle: https://www.kathpress.at/goto/meldung/1874581/Theologe__Auch_die_Apostel_erlebten_Ostern_in_Selbstisolation

Der Beitrag wurde von Christine Norden, Fachreferat Gesellschaftspolitik und Ethik, ausgewählt.