David Steindl-Rast: Mit offenen Augen

David Steindl-Rast schreibt: „Wenn wir unsere Augen in Dankbarkeit für alles öffnen, was uns begegnet, sehen wir göttliches Licht durch alles, was ist, hindurchleuchten. Jemand mag dann etwa sagen: Na ja, aber wie kann ich für Völkermord dankbar sein? Und wie können wir für das Elend in den Straßen vor unserer Haustüre dankbar sein? Oder für die Zerstörung unserer Umwelt? Oder für die Tierquälerei in Laboratorien und Legebatterien?

Über diese Dinge an sich können wir uns keinesfalls freuen, doch dafür, dass sie uns Gelegenheit geben, etwas dagegen zu unternehmen, können wir dankbar sein. Diese rückhaltlose Aufgeschlossenheit für das Geschenk des gegenwärtigen Augenblicks ist eine außerordentliche schöpferische innere Haltung. Sie inspiriert uns zum Hinschauen und überlegen, was wir tun können, so wenig es auch sein mag.“

 

 

Welche kleinen Dinge kann ich heute in der momentanen Krise tun? 

Welche Menschen, die Einsam sind anrufen oder eine Nachricht zukommen lassen? 

Wem könnte ich helfen oder unterstützten? 

Wem ein gutes Wort zukommen lassen? 

Für wen möchte ich heute beten? 

 

Der Gedanke der Woche wurde ausgewählt von Bernd Zeidler 

Veronika Lamprecht: MUT ZU VERTRAUEN

Mir gefällt die Formulierung, weil sie mich, kurz und bündig, wie sie ist, zum Nachdenken bringt: Ist es nicht so, dass man entweder vertraut, oder eben nicht? Was hat der Mut in diesem Zusammenhang zu suchen?  
Doch eigentlich stimmt es ja: wir alle machen in unserem Leben Erfahrungen, die es nahelegen, sich gut zu überlegen, wo, wann, wem wir vertrauen. Unsere Welt ist nicht so „gebaut“, dass man mit blindem Vertrauen unbeschadet durchs Leben gehen kann. Aber ist es dann überhaupt sinnvoll, zu vertrauen?
Wenn Vertrauen vollkommen fehlt, kommt menschliches Leben in seiner Vielschichtigkeit höchstwahrscheinlich zum Stillstand. So erscheint es schon sinnvoll, auch einen Mut zu vertrauen einzuüben. Und in der geläufigen Redewendung vom „Vertrauen Wagen“ wird ja auch deutlich, dass wir dabei immer mehr oder weniger im Nebel gehen und nicht von vornherein wissen, was uns unterwegs begegnen wird: Chance oder Demütigung, Freundschaft oder Ablehnung?
Die Dichterin Hilde Domin gebraucht ein anderes Bild für den Mut zu vertrauen, wenn Sie einer ihrer Gedichtsammlungen den Satz voranstellt: „Ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug.“ 

Veronika Lamprecht, Fachreferat Kirche, Arbeit und Wirtschaft

Erika Pluhar: Die Wahl

Im Mai 2014 war sie im Haus der Begegnung zu Gast: die Grande Dame der österreichischen Kulturszene, Erika Pluhar, Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin in Wien. Fast 200 Menschen lauschten damals gebannt ihren Ausführungen.

Heute, im Juni 2020, können Sie einen Text von ihr aus dem Jahr 2003 lesen! Er hat nichts von seiner Aktualität verloren!

 

„Die vorherrschende Meinung ist, man hätte sowieso keine Wahl. Das Schicksal nähme einen auf seine große Schaufel, wahllos, man könne froh sein, nicht im ärgsten Dreck zu landen. Wie solle man also in der Lage sein, irgendetwas zu verändern, bei irgendetwas einzugreifen, sein eigenes Leben irgendwie zu bestimmen. „Was kann ich schon tun!“ Wer kennt ihn nicht diesen Satz. Man hörte ihn oft. Und man sagte ihn selbst. Oft.

Aber ungeachtet dessen, ungeachtet all unserer fatalistischen Rückzüge, werden wir immer wieder aufgefordert zu wählen. Uns zu entscheiden. Es sind auch unsere eigenen Entscheidungen, die unseren Lebensweg formen, machen wir uns nichts vor. Sicher gibt es Schicksalsschläge. Aber es gibt auch die Art und Weise, wie man sie beantwortet. Sicher gibt es Hindernisse. Aber es gibt auch den Willen und die Kraft, diese zu überwinden. Man kann scheitern und aufgeben, man kann aber auch lernen und erkennen.

Lernen und erkennen. Sind dies nicht die großartigsten Möglichkeiten eines Menschenlebens? Wären nicht auch Sie - ganz spontan - gewillt zu sagen: JA! Das ist es! Das wäre es?

Aber was versucht man uns zu suggerieren? Dass wir uns dem Konsumzwang und der medialen Manipulation unterwerfen sollen. Dass dies wichtiger sei. Das Wichtigste überhaupt. Lernbereitschaft und Erkenntnisfähigkeit zählen nicht, weil dadurch die Zahl der ohnmächtig Unterworfenen verringert würde. Alles drängt nach globaler Gleichschaltung, nach Lebensmaximen, die dem Strom der wirtschaftlich orientierten Gleichmacherei keinen Widerstand entgegensetzen. [...]

Kann das gut gehen? frage ich Sie. Gibt es so gesehen eine freie Wahl? Kann einer, der nichts gelernt und nichts erkannt hat, „frei“ wählen? - Er kann es nicht. Seine Freiheit besteht darin, sich aus den Suggestionen, die auf ihn einwirken, die für ihn verführerischste auszuwählen.“

 

In: Erika Pluhar: Die Wahl, Hoffmann und Campe, Hamburg 2003, Seite 250

 

Dieser Beitrag wurde von Christine Norden, Fachreferat Gesellschaftspolitik und Ethik, für Sie ausgewählt.

„Kirchturmtiere“

Wie zahlreich sind deine Werke, HERR, sie alle hast du mit Weisheit gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. Da ist das Meer, so groß und weit, darin ein Gewimmel, nicht zu zählen: kleine und große Tiere. Dort ziehen die Schiffe dahin, der Levíatan, den du geformt, um mit ihm zu spielen. Auf dich warten sie alle, dass du ihnen ihre Speise gibst zur rechten Zeit. Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein, öffnest du deine Hand, werden sie gesättigt mit Gutem. Verbirgst du dein Angesicht, sind sie verstört, nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub. Du sendest deinen Geist aus: Sie werden erschaffen und du erneuerst das Angesicht der Erde. Die Herrlichkeit des HERRN währe ewig, der HERR freue sich seiner Werke. (Ps 104,24-31)

Die Umweltbeauftragten der katholischen und evangelischen Kirche Österreichs, BirdLife Österreich und der Naturschutzbund Österreich rufen alle naturinteressierten Menschen auf, uns Beobachtungen von Tieren in, an und rund um Kirchtürme zu melden. Mit den Daten wollen wir das Wissen über die Besiedlung von Kirchen durch Vögel und andere Tiere verbessern, um Naturschutzmaßnahmen für gefährdete Arten ausarbeiten zu können. : „Wir haben im Sinn der Enzyklika Laudato Si‘ den Auftrag, auch die kleinsten Geschöpfe zu hüten.“ Die Fundmeldungen werden von ExpertInnen bestimmt bzw. geprüft. Für Informationen zu diesem Citizen Science Projekt klicken Sie hier.

 

Die Gedanken der Woche sind von Daniela Soier

Abgekoppelt von der Welt

von Notker Wolf

Vor einiger Zeit habe ich meine benediktinischen Brüder und Schwestern in Tansania besucht, und anfangs war es mir fast zu viel. In den ersten Tagen haben wir Hunderte von Kilometern zurückgelegt, und abends war ich sehr erschöpft, obwohl ich gar nicht selbst am Steuer gesessen habe. Am dritten Tag wurde mir bewusst, dass ich Europa schon halb vergessen hatte. Ich war einfach froh, die Steppe der ostafrikanischen Hochebene mit ihren unendlich weiten Himmel zu erleben. Froh, unter Afrikanern zu sein, deren Frauen Brennholz, Wassereimer oder Gemüse auf ihren Köpfen trugen und in ihren bunten Tüchern wunderschön aussahen. Ich war auch froh, unsere Klöster zu besuchen, und betete mit, als ob ich schon immer dort leben würde. Doch auf einmal häuften sich die Katastrophen. Als erstes brach mein Email-Programm zusammen und die Neuinstallation wurde tagelang nicht freigeschaltet. Danach konnte ich nicht mehr die Mailbox meines Handys abhören, obwohl ich die richtige Geheimnummer eingab. Da wusste ich: du bist wirklich in Afrika angekommen. Die europäische Technik, so perfekt sie sonst ist, hatte mich gewaltsam von der Welt abgekoppelt.

Und das war keineswegs schlecht. Denn auf einmal kehrte eine innere Ruhe ein, wie ich sie lange nicht mehr gekannt hatte. Die anstrengenden Fahrten im Geländewagen, die hohen Erwartungen an mich- alles schien ich plötzlich viel leichter nehmen zu können. Und die Sorgen um Sant Anselmo, die Vorbereitungen für den nächsten Äbtekongress, das war für ein paar Tage weit weg. Ich konnte da sein, bei mir selbst sein und vor allem bei den Menschen, bei den jungen afrikanischen Benediktinern, die mich ihrerseits mit frohen Gesichtern und offenen Augen empfingen. Ich fand sogar Zeit, meine Sprachkenntnisse in Suaheli zu verbessern. Selbst im Urlaub habe ich manchmal das Gefühl, keine Zeit zu haben. Auf dieser Reise hatte ich Zeit. Zeit für die Begegnung mit liebevollen Menschen, Zeit auch für das Gebet.                   

Quellen:  

Bild: pixabay 

Text: Abtprimas Notker Wolf: Gott segne Sie! Neue Einfälle für das Leben hier unten. Rowohlt Verlag 2009 

  

Vielleicht fühlten sich Einige von Ihnen in der Zeit der Ausgangsperre, bedingt durch die Coronakrise, auch ein Stück weit von der Welt abgekoppelt. Zum einen vielleicht Bereicherung, da man mehr Zeit für manche Dinge hatte. Zum anderen vor allem jedoch der Verzicht auf Vieles, das wir gerne tun. Was waren die Dinge, die wir vermisst haben? 

Die Besuche bei der Familie, 

das Essen im Lieblingsrestaurant, 

der Kaffee zusammen mit Arbeitskollegen, 

die Gemeinschaft im Sportverein, 

das Einkaufen in der Stadt...... 

Vielleicht kann uns das Alltägliche, dass wir sonst als so selbstverständlich sehen, in Zukunft wertvoller werden. Alles gute Ihnen und bleiben sie gesund! 

 

Zur Person: 

Notker Wolf studierte Philosophie an der Päpstl. Hochschule S. Anselmo in Rom, Theologie und Naturwissenschaften an der LMU München, 1968 zum Priester geweiht und 1971 als Dozent für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an die Benediktinerhochschule S. Anselmo nach Rom berufen. 1977-2000 Erzabt von St. Ottilien und Abtpräses der weltweiten Ottilianer Benediktinerkongregation. Von 2000-2016 Abtprimas des Benediktinerordens in Rom, jetzt wieder in St. Ottilien. Daneben ist er Autor mehrerer Bestsellerbücher. Seine Hobbys sind Querflöte, E-Gitarre und Sprachen.

 

Der Gedanke der Woche wurde ausgewählt von Bernd Zeidler.

Der Sonnengesang

Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen. Dir allein, Höchster, gebühren sie, und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne, welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest. Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz: Von dir, Höchster, ein Sinnbild.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne; am Himmel hast du sie gebildet, klar und kostbar und schön.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken und heiteres und jegliches Wetter, durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Feuer, durch das du die Nacht erleuchtest; und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt

und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Krankheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.

Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben. Selig jene, die er findet in deinem heiligsten Willen, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Lobt und preist meinen Herrn und dankt ihm und dient ihm mit großer Demut.

 

Aus: Franziskus-Quellen Die Franziskanerprovinz Austria vom hl. Leopold hält zum Sonnengesang fest. „Das Gebet ist nicht nur eine Hymne auf Gottes gute Schöpfung, sondern fordert uns auch heraus in unserem Verhalten zur Welt und in der Annahme von Krankheit und Sterben.“

 

Der Beitrag wurde ausgewählt von Daniela Soier.

Umgang mit der Zeit

Wenn wir unseren Alltag mehr und mehr wieder „hochfahren“, kommen vielleicht Fragen auf, wie: Was ist mir in den letzten Wochen und Monaten, in denen alles anders war als davor, wertvoll geworden? Was soll möglichst nicht gleich wieder im Alltag verloren gehen? Und wie könnte das klappen? – Die folgende Geschichte von Stephen R. Covey aus seinem Buch „Der Weg zum Wesentlichen“ (1997) hilft vielleicht beim Nachdenken darüber:

 
Eines Tages war ein alter Professor beauftragt, einer Gruppe von Geschäftsführern einen Kurs in effizienter Zeitplanung zu geben. Dieser Kurs machte eine von fünf Einheiten eines Seminartages aus, daher hatte der Professor nur eine Stunde zur Verfügung, um seine Botschaft zu vermitteln.
Aufrecht vor dieser Elitetruppe, die bereit war, alles aufzuschreiben, was der alte Professor sagte, schaute der Dozent einem nach dem anderen langsam in die Augen, um schließlich langsam anzukündigen: „Wir werden miteinander ein kleines Experiment machen.“
Der alte Professor stellte vorsichtig einen großen Glaskrug auf den Tisch und füllte ihn mit etwa einem Dutzend tennisballgroßer Steine, die er bedächtig in den Glaskrug setzte, bis der Krug randvoll war und darin kein Platz mehr war. Da erhob der alte Professor den Kopf: „Ist der Krug voll?“, fragte er. Alle antworteten: „Ja!“ Er wartete und fragte nach: „Tatsächlich?“
Darauf bückte er sich, holte ein Gefäß mit Kieselsteinen hervor und füllte bedächtig den Glaskrug – rührte um – füllte nach – bis die Kieselsteine alle Lücken füllten.
Der alte Professor hob erneut den Kopf und fragte: „Ist der Krug voll?“ Die Teilnehmer waren unruhig – einer antwortete „Wahrscheinlich nicht.“ – „Gut“, antwortete der Professor. Er neigte sich nach unten und holte diesmal einen Eimer mit Sand. Bedächtig goss er den Sand in den Glaskrug. Der Sand schickte sich an, die Räume zwischen den großen Steinen und dem Kies zu füllen.
Noch einmal fragte der Professor: „Ist der Krug voll?“ – Ohne zu zögern, entgegneten alle Schüler „Nein!“ – „Gut.“ Gerade so als ob die hochgepriesenen Schüler eine Fortsetzung erwarteten, nahm der Professor eine Kanne mit Wasser und goss das Wasser in den Krug, bis der Krug randvoll war. Nun erhob sich der Professor und fragte die Gruppe: „Was will uns dieses Experiment sagen?“
Der Mutigste unter den Zuhörern meinte, in Anbetracht des Kursthemas: „Es zeigt uns, dass wir sogar dann, wenn wir meinen, dass unser Kalender randvoll ist, noch weitere Termine vereinbaren und Dinge erledigen können, wenn wir es wirklich wollen.“
„Nein“, sagte der alte Professor – „Darum geht es nicht. Die große Wahrheit, die uns dieses Experiment zeigt, ist die folgende: Wenn wir nicht als Erstes die großen Steine in den Krug setzten, bringen wir sie später neben allen anderen Dingen nicht mehr hinein.“ Darauf erfolgte tiefes Schweigen, die Offensichtlichkeit seiner Worte leuchtete jedem ein.
„Was sind die großen Steine in Ihrem Leben?“, fragte der Professor. „Gesundheit? – Familie? – Freunde? – Die Verwirklichung Ihrer Träume? – Tun, was Ihnen gefällt? Oder: Etwas ganz anders?“
„Nehmen Sie daraus mit, dass es wichtig ist, zuerst die großen Steine im Leben zu platzieren, sonst laufen wir Gefahr, erfolglos zu sein. Wenn wir den Nebensächlichkeiten den Vorrang
geben, also etwa Kies, Sand und Wasser, dann füllen wir unser Leben damit auf, und am Ende fehlt uns die kostbare Zeit, um uns den wichtigen Aspekten unseres Lebens zu widmen. Vergessen sie daher nicht die Frage: Was sind die großen Steine in Ihrem Leben?“ 

 
Quelle: https://www.business-wissen.de/hb/warum-zeitmanagement-nuetzlich-ist/  (8. 5. 2020)  

 

Der Beitrag wurde ausgewählt von Veronika Lamprecht

Pierre Stutz "Meine Trotzdem-Hoffnung"

Schwere kann mich bewohnen

schon beim Erwachen

mich mit Angst umhüllen

die mich vom Vertrauen entfernt

 

Trotzdem stehe ich jeden Morgen auf

in der hoffenden Achtsamkeit

mich nicht auf meine Schwere zu reduzieren

weil ich mehr bin als meine Ohnmacht

 

Erschütterung kann mich lähmen

über unsere Hartherzigkeit

die Millionen von Flüchtlinge

in ihrem Überlebenskampf alleine lässt

 

Trotzdem stehe ich jeden Morgen ein

für eine gewaltfreie Widerstandskraft

die mich mit vielen Menschen verbindet

auf dem Weg zu einem teilenden Miteinander

 

Verzweiflung kann mich einschliessen

im Verlies der bedrückenden Isolation

das mich gefangen halten will im Irrtum

alles im Griff haben zu müssen

 

Trotzdem stehe ich jeden Morgen hinein

in den unaufhaltsamen Segenskreis

der mich und andere zerbrechlich-kraftvoll

zum Segen werden lässt für eine zärtlichere Welt

 

Wut und Trauer kann mich umzingeln

über die mangelnde Bereitschaft

neue Wirtschaftsformen zu entwickeln

die weder Menschen noch Natur ausbeuten

 

Trotzdem stehe ich jeden Morgen auf

für jene unbändige Hoffnung

zu der mich Jeschuah anstiftet:

Auf(er)stehen für Frieden in Gerechtigkeit

 

© Pierre Stutz

www.pierrestutz.ch 

Foto (c) Weigand Stefan

 

Dieser Beitrag wurde von Christine Norden, Fachreferat Gesellschaftspolitik und Ethik, für Sie ausgewählt.

"Wir dürfen die Grenzen der Herzen nicht schließen!"

Coronakrise: Zwei Steyler Missionare geben Antwort

 

 

In St. Gabriel sind die Türen momentan verschlossen 

Abstand halten ist angesagt: Das betrifft auch die Patres und Brüder in St. Gabriel und den anderen Niederlassungen in der Mitteleuropäischen Provinz der Steyler Missionare. Still ist es geworden im Missionshaus St. Gabriel bei Mödling. So ruhig wie noch nie in der mehr als 130-jährigen Geschichte der größten Niederlassung der Steyler Missionare in Österreich. Pater Helm, der letztes Jahr im Haus der Begegnung zu Gast in der Reihe Persönlichkeiten und ihre Spiritualität Referent war, ist dort Rektor des Missionshauses. Wie ist die Lage im Kloster und wie sieht es mit der Seelsorge aus? Auf dieses und noch andere Fragen versuchen Pater Helm und Stephan Dähler, der Provinzial der Steyler Antwort zu geben:

 

 

Wie ist ist die aktuelle Lage in St. Gabriel? 

 

Pater Helm: Die Aufgabe von St. Gabriel war es immer, dass Missionare von hier hinausgehen, um die Botschaft Christi zu verkünden. Nun ist es unsere Mission, daheim zu bleiben, um niemanden zu gefährden und um selbst nicht mit dem Corona-Virus angesteckt zu werden: Denn der Großteil der 40 Patres und Brüder gehört zur Risikogruppe. Der Altersdurchschnitt unserer Hausgemeinschaft ist 75 Jahre, unserer ältester Mitbruder ist 90. Viele haben chronische Erkrankungen.

 

Wie wirkt sich die Krise auf die Klostergemeinschaft aus? 

 

Pater Helm: Der Zusammenhalt unter den Mitbrüdern ist sehr groß. Die jüngeren und fitteren unterstützen jene, die schon gebrechlich sind. Die übrigen Angestellten in der Verwaltung und in der Missionsprokur arbeiten im Home Office. Weil auch das Reinigungspersonal nicht mehr im Haus arbeiten kann, kümmern sich die Patres und Brüder selber ums Putzen und ums Wäschewaschen. Wir halten uns natürlich an die empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen: Abstand halten, Hände waschen und desinfizieren, kein Friedensgruß und keine Kelchkommunion bei den Messfeiern. Wir sind in St. Gabriel in der derzeitigen Situation im Vergleich zu vielen anderen Menschen wirklich privilegiert. Wir haben genug Platz, jeder kann sich in sein Zimmer zurückziehen, wir haben den Park, in dem wir spazieren gehen können und wir haben die Möglichkeit, in Gemeinschaft weiter Liturgie zu feiern. Die Stimmung im Haus ist grundsätzlich positiv, auch wenn jetzt manches anders läuft als sonst: Einige Patres, die in den umliegenden Pfarren oder in Schwesterngemeinschaften in der Seelsorge tätig sind, persönliche Aussprache und Beichtgespräche anbieten, können diese Dienste derzeit nicht leisten. Aber sie bemühen sich den Kontakt über Telefon und soziale Medien zu halten.

Wie sieht es mit der Seelsorge insbesondere in der Pfarrpastoral aus? 

 

Stephan Dähler: Viele Steyler sind in Pfarren tätig. Für die Pfarrpastoral ist diese Krise eine enorme Herausforderung. Denn gerade in einer Situation, in der die Priester nahe bei den Menschen sein sollten, ihre Sorgen und Ängste mittragen sollten, ist dies nicht möglich. Aus Gesprächen mit meinen Mitbrüdern weiß ich, dass sie sich bemühen, über Internet und soziale Medien Predigten und gute Gedanken anzubieten. Andere Steyler rufen ältere Menschen in ihren Gemeinden an, von denen sie wissen, dass sie alleine sind. Das sogenannte Social Distancing ist aus christlicher Sicht eigentlich ein ‚No-go’, denn unser Glaube beruht auf persönlichen Begegnungen und dass wir in Gemeinschaft leben. Abstand halten ist aber derzeit unumgänglich, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen. Wir müssen allerdings aufpassen, dass dieses äußere Abstand halten langfristig nicht zu einer inneren Distanzierung führt. Wir merken jetzt, dass keiner für sich allein sein kann, dass wir aufeinander angewiesen sind, aufeinander schauen und Rücksicht nehmen müssen. Diese Werte sollten wir uns auch langfristig erhalten.

 

Die Steyler Missionare sind ja weltweit im Einsatz: Welche Entwicklungen sehen auf international Ebene? 

 

Stephan Dähler: Im Moment werden alle Grenzen wegen Corona dicht gemacht, aber wir dürfen die Grenzen der Herzen nicht schließen. Während wir in Europa durch Krankenkassen oder Milliardenbeträge des Staates abgesichert sind, sind die Armen in Asien, Afrika und Lateinamerika sich selbst überlassen. Sie sind auf unsere Unterstützung gerade jetzt sehr angewiesen.

 

Was möchten sie uns abschließend noch mit auf den Weg geben? 

 

Stephan Dähler: Wir nehmen in unsere Gebete alle jene hinein, die krank sind, die in der Pflege oder anderen wichtigen Bereichen tätig sind, alle die arbeitslos sind und Zukunftssorgen haben, sowie alle unsere Förderer und Wohltäter. In der österlichen Hoffnung, dass wir das Leben bald wieder im gewohnten näheren Miteinander gestalten können.

 

 

Zur Info: Die Steyler Nothilfe 

Die Steyler Nothilfe unterstützt Projekte von Steyler Missionaren und Missionarinnen in Asien, Afrika und Lateinamerika, die sich in der Corona-Pandemie für die Ärmsten der Armen einsetzen.

Die aktuellen Projekte finden sie unter:

www.steyler-nothilfe.eu/nothilfe.

Quelle: Ursula Mauritz, am 3.4.2020 unter steyler.eu/global/news 

 

 

Der Beitrag wurde ausgewählt von Bernd Zeidler 

es ist noch soviel leben da

für und durch a.c.

das vogelgezwitscher ist

auf deiner seite

die blütenreichste jahreszeit und dein herz

gleichen sich

         unsre sonnen

aufgänge

sehen uns auch

hier eine planetenlänge weit

wartet die nächste umarmung

                   (Siljarosa Schletterer)

 

Gedanken der Woche wurde ausgewählt von Daniela Soier.

Spiritueller Impuls

Dietrich Bonhoeffer: "Wer bin ich?"

Am Gründonnerstag hat sich zum 75. Mal der Tod Dietrich Bonhoeffers gejährt. Wegen seiner Beteiligung an Attentatsplänen gegen Hitler wurde er im KZ Flossenbürg am 9. April 1945 brutal ermordet. Den meisten von uns ist das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ bekannt. Die Worte dazu stammen von Dietrich Bonhoeffer. In seiner Haft in Berlin Tegel hat er auch einen anderen Text geschrieben, in dem er über manches nachdenkt, was ihn in dieser Zeit beschäftigt und sich fragt: „Wer bin ich?“

Text und Bilder finden Sie im Download

Der Beitrag wurde ausgewählt von Veronika Lamrpecht

Tipps aus dem All

„[...] Astronautinnen und Astronauten trainieren Wochen, um mit der Isolation und auf engem Raum mit ihren Kollegen gut zurechtzukommen. Sie müssen in ungewöhnlichen Situationen stressresistent reagieren, Konflikte wären gefährlich, bei ihrer Mission sind alle voneinander abhängig. Was kann man also in Zeiten der Selbstisolation und Quarantäne von ihnen lernen?
Die Grundvoraussetzung seien Respekt, Empathie, einander zu helfen, gut zuzuhören und klar zu kommunizieren, sagt Franz Viehböck […]“, der erste und bisher einzige Österreicher im All.   

Quelle: Selina Thaler: Eine Wohnung wie eine Raumstation, in: Der Standard, Mittwoch, 8. April 2020, S. 6.

Der Gedanke der Woche wurde ausgewählt von Christine Norden

Geduld

Rainer Maria Rilke in einem Brief an einen jungen Dichter

Was Rilke in seinen „Briefe(n) an einen jungen Dichter“ (1929) bezugnehmend auf dessen drängende biografische Fragen formuliert, kann uns vielleicht auch in unserer Haltung unseren vielen Fragen gegenüber helfen, die wir dieser Tage zu vielen kleinen und großen Dingen haben – zum Weltgeschehen, im familiären dichten Beisammensein, in unseren Zukunftsgedanken und -sorgen, in unseren alltäglichen Ratlosigkeiten:

 

„[...] und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.[...]“

 

  

 

(Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, „An Franz Xaver Kappus, z. Zt. Worpswede bei Bremen, am 16. Juli 1903“, zitiert nach: http://www.rilke.de/briefe/160703.htm , abgerufen am 9.4.2020, 10.40 Uhr)

An diesem Beitrag waren Magdalena Modler - El Abdaoui, Christine Norden und Mirjam Müller beteiligt